Leben imitiert Kunst: die Suche nach einem Universalübersetzer

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Artwork by Nicolae Negura

Die Technik weigert sich zwar hartnäckig, uns endlich mit Hoverboards, zeitreisenden DeLoreans oder Pizza-Hydratoren zu versorgen,aber trotzdem ist inzwischen vieles Realität geworden, was einst Science-Fiction war.

Bereits im 19. Jahrhundert schilderte der visionäre Autor Jules Verne globale Netzwerke, Nachrichtensendungen und Videokonferenzen, schickte uns per U-Boot in die Tiefen des Ozeans (1870) und schoss eine bemannte Mondlandefähre mit einer Kanone zum Mond (1865).

H.G. Wells entwickelte in „Der Krieg der Welten“ (1898) einen Hitzestrahl, der so ähnlich wie unsere heutigen Laser funktioniert sowie Hörbücher und E-Mails in „Menschen, Göttern gleich“ (1923) und Atombomben in „Befreite Welt“ (1914). Die ersten Kreditkarten finden sich in einem 1888 erschienenen sozialistischen utopischen Roman von Edward Bellamy.

Auch Supercomputer gibt es schon seit geraumer Zeit. Im Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum, der auf einer 1950 erschienen Kurzgeschichte von Arthur C. Clark basiert, ist der empfindungsfähige Computer HAL 9000 dazu in der Lage, Sprache zu erkennen, natürliche Sprache zu verarbeiten, automatisiert zu denken und letztlich auch zu töten: „Es tut mir leid, Dave. Ich fürchte, ich kann das nicht tun. “ Und wir konnten bewundern, wie Professor X seine telepathischen Kräfte (1964) verstärkte, um die Hirnwellen von Mutanten auf der ganzen Welt aufzuspüren.

Je mehr wir suchen, umso mehr Beispiele finden wir. Obwohl Mary Shelleys Frankenstein als erster echter Science-Fiction-Roman gilt, gibt es bis heute keinen Konsens über die grundlegende Definition des Genres, weshalb man nicht leicht bestimmen kann, wie lange es bereits existiert. Einige sehen seine Anfänge in dem allegorischen Roman namens „Chymische Hochzeit“ von Johann Valentin Andreae aus dem Jahr 1616 – ein alchemistisches Abenteuer, das mit einer Einladung zu einer königlichen Hochzeit beginnt (allerdings kann man, wie Adam Roberts und einige andere Autoren betonen, Alchemie nicht wirklich als Wissenschaft betrachten).

Andere brachten das utopische Neu-Atlantis , einen 1627 veröffentlichten unvollendeten Roman von Francis Bacon oder Utopia aus dem Jahr 1516 von Thomas More, der diesen Begriff prägt e, als Grundstein des Genres. Wir können sogar noch weiter zurückgehen und uns die Erzählungen mit dem ironischen Namen „Wahre Geschichten“ ansehen. In dieser Satire von Lukian von Samosata aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr. verirren sich die Hauptpersonen auf exotische Inseln (z. B. eine Insel in Form eines Stückes Käse), reisen zum Mond, nur um sich inmitten eines Krieges zwischen dem Mondvolk und dem König der Sonne wiederzufinden, werden in einem riesigen Wal gefangen und begegnen mythischen Kreaturen, dem legendären Homer und Herodot. Oder, wie ich sie gerne nenne, ein besonderer Freitag.

Wie auch immer man Science-Fiction definiert, ihre Ursprünge sind tief in mythologischen Erzählungen, Spekulationen über die unsichtbare Mechanik der Welt, Angst vor dem Unbekannten und bestimmten Zukunftsvisionen verwurzelt.

Kellner, da ist ein Fisch in meinem Ohr

In der modernen Science-Fiction gibt es einen bestimmten Traum, der immer wieder neu erzählt wird. Erstmals kam er 1945 in der Novelle „Der erste Kontakt“ vor. Seitdem haben wir Variationen davon in unzähligen Science-Fiction-Werken gesehen, z. B. bei einem Gerät in Star Trek, einem telepathischen Feld in der Tardis von Doctor Who und dem verblüffenden Fisch in „Per Anhalter durch die Galaxis“.

Dabei kann es sich natürlich nur um den „Universalübersetzer“ handeln – ein Gerät, das die Sprachbarriere in der extraterrestrischen Kommunikation beseitigt, indem es jede Sprache sofort übersetzt (oder ggf. interpretiert) – was eine bemerkenswerte Leistung ist, wenn man bedenkt, dass es alleine auf der Erde etwa siebentausend verschiedene Sprachen gibt.

Die Beliebtheit des Universalübersetzers gibt nicht wirklich Rätsel auf. In einer vernetzten Welt ist die Sprache wohl die letzte Kommunikationsbarriere. Sie ist es, was uns davon abhält, das gesamte Wissen der Menschheit zu nutzen – ein universelles Verständnis zu erlangen.

Die Science-Fiction-Lösung, die mir am besten gefällt, ist der Universalübersetzer von Douglas Adams, auch wenn er wahrscheinlich die merkwürdigste Variante überhaupt ist. Adams selbst drückte es am besten aus:

Der Babelfisch ist klein, gelb und blutegelartig und wahrscheinlich das Eigentümlichste, was es im ganzen Universum gibt. Er lebt von Gehirnströmen, die er nicht seinem jeweiligen Wirt, sondern seiner Umgebung entzieht. Er nimmt alle unbewussten Denkfrequenzen dieser Gehirnströme auf und ernährt sich von ihnen. Dann scheidet er ins Gehirn seines Wirtes eine telepathische Matrix aus, die sich aus den bewussten Denkfrequenzen und Nervensignalen der Sprachzentren des Gehirns zusammensetzt.

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Der praktische Nutzeffekt der Sache ist, dass man mit einem Babelfisch im Ohr augenblicklich alles versteht, was einem in irgendeiner Sprache gesagt wird. Die Sprachmuster, die man hört, werden durch die Gehirnstrommatrix entschlüsselt, die einem der Babelfisch ins Gehirn eingegeben hat.

Es mangelt nicht an Meldungen, laut denen der eine oder andere Technologieriese einen echten Universalübersetzer entwickelt hätte. Google hat kürzlich die Pixel Buds herausgebracht, die von ihrem Pixel-Smartphone, Google Translate und dem Google Assistant unterstützt werden. Der Microsoft Translator kann angeblich Gespräche mit Hilfe eines Smartphones live und augenblicklich übersetzen und eine unglaublich erfolgreiche Indiegogo-Kampagne zum Bau eines damit vergleichbaren Geräts hat 3181 % ihres Finanzierungsziels erreicht, wobei die erste Million bereits innerhalb von 2 Stunden zusammenkam.

Es steht außer Frage, dass diese Technologie sehr begehrt ist, vielleicht sogar dringend benötigt wird. Aber bevor man seine Kreditkarte zückt, sollte man seine Begeisterung etwas bremsen. Erstens berücksichtigt keines dieser Geräte den kulturellen Kontext, Eigenheiten, nonverbale Signale und andere Sprachnuancen, für die Maschinen vollkommen blind sind, aber die von Linguisten schnell erkannt werden.

Und zweitens unterliegen diese Geräte denselben Limitierungen wie die maschinelle Übersetzung und Spracherkennung, die bei ihnen unter der Haube stecken. Trotz aller Fortschritte in den letzten Jahrzehnten sind grundlegende Fragen dabei noch immer nicht gelöst.

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Jenseits der Sprache

Die Grundidee hinter einem Gerät, das Sätze analysiert und Übersetzungen über einen Ohrstöpsel ausspuckt, ist nicht kompliziert, aber es basiert nach wie vor auf Sprache und man muss sich fragen, ob das die effizienteste Art der Kommunikation ist. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wir verdanken der Sprache alles, was wir haben. Sie hat die massenhafte Kooperation ermöglicht, aus der sich die komplexen sozialen Strukturen entwickelt haben, die den heutigen Gesellschaften und Institutionen zugrunde liegen.

In seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ spricht Yuval Noah Harari über die Bedeutung dieser Mythen:

„Dieser geheimnisvolle Klebstoff besteht aus Geschichten, nicht aus Genen. Wir arbeiten erfolgreich mit Fremden zusammen, weil wir an Dinge wie Götter, Nationen, Geld und Menschenrechte glauben. Und doch existiert keines dieser Dinge außerhalb der Geschichten, die Menschen erfinden und sich gegenseitig erzählen. Es gibt keine Götter im Universum, keine Nationen, kein Geld und keine Menschenrechte – außer in der gemeinsamen Vorstellung der Menschen. Kein Schimpanse lässt sich überzeugen, eine Banane im Gegenzug für das Versprechen herzugeben, dass er nach seinem Tod im Himmel Bananen ohne Ende erhalten wird. Nur Sapiens können solche Geschichten glauben. Das ist der Grund, aus dem wir die Welt regieren und Schimpansen in Zoos und Forschungslabors eingesperrt sind.“

Tim Urbanvon Wait But Why stimmt zu und behauptet, dass Sprache unser kollektives Wissen in einem beispiellosen Tempo vorangebracht habe. In seinem fast 40.000 Wörter langen Meisterwerk über Neuralink (eine weitere Idee von Elon Musk) weist er darauf hin, dass wir bei unserer Kommunikation quasi eine 50.000 Jahre alte Technologie benutzen. Das tut dieselbe Spezies, die ihre Smartphones im Schnitt alle zwei Jahre durch neue, glänzendere Modelle ersetzt.

Sprache ist weder eine schnelle noch eine verlustfreie Kommunikationsform. Wenn wir Konzepte und Kognition in Sprache komprimieren, gehen Kontext, Intention, Nuancen und haufenweise nützliche Metadaten verloren, die dem Empfänger ein viel umfassenderes Bild vermitteln würden.

Der Empfänger muss dann herausfinden, was er mit den verlustbehafteten Daten anfangen soll und sie so rekonstruieren, dass sie den ursprünglichen Inhalt wiedergeben können. Aber in den meisten Fällen sind die Verluste irreversibel. Wir integrieren diese partiellen Daten in unsere vorgefassten Ansichten und Erfahrungsfelder. So erhält eine Botschaft oft eine Bedeutung, die sich stark von der ursprünglichen unterscheidet.

Kein Wunder, dass wir uns ständig über unbedeutenden Unsinn streiten.

Das ist, wohlgemerkt, eine grobe Vereinfachung. Die Beziehung zwischen Kognition und Sprache ist viel komplexer als jeder Kompressionsalgorithmus. Sie ist seit Jahrtausenden Gegenstand von Diskussionen.

Verhaltensforscher wie Skinner sind der Ansicht, dass das Erlernen von Sprachen ein Reinforcement-Prozess ist, bei dem wir belohnt werden, wenn wir unsere Bedürfnisse besser kommunizieren (z. B. ist weinen und ein Theater veranstalten nicht so effektiv wie ruhig zu fragen: „Mutter, meine Liebe, würdest du mir bitte etwas Wasser bringen?“). Auf der anderen Seite glauben Autoren wie Chomsky und Greenberg, dass Sprachen eine Reihe von linguistischen Universalien gemeinsam haben und wir mit angeborenen „Language Acquisition Devices“ zur Welt kommen, die sich unangeleitet entwickeln.

Anhänger der umstrittenen Sapir-Whorf-Hypothese glauben, dass Sprache unsere Denkweise beeinflusst oder – am kontroversesten – sogar maßgeblich bestimmt, weshalb Menschen aus verschiedenen Ländern die Welt unterschiedlich wahrnehmen, während Autoren wie Gentner die Sprache als Teil unseres kognitiven Instrumentariums betrachten, das ein semiotisches System erzeugt, mit dem wir die Welt um uns herum verstehen können und das die „Kognition höherer Ordnung“ unterstützt.

Chomsky meint zum Beispiel, dass der Hauptzweck der Sprache im evolutionären Sinne gar nicht in der Kommunikation besteht, sondern in der Darstellung von Gedanken.

Auf die Frage von Wiktor Osiatynski nach nichtsprachlichen Denkweisen antwortet Chomsky:

„Die Analyse sprachlicher Strukturen könnte helfen, andere intellektuelle Strukturen zu verstehen.

 

 

Nun glaube ich zwar nicht, dass es wissenschaftliche Beweise hinsichtlich der Frage gibt, ob wir nur in Sprache denken oder nicht. Aber die Introspektion deutet ziemlich klar darauf hin, dass wir nicht unbedingt nur in Sprache denken. Wir denken auch in visuellen Bildern, wir denken in Situationen und Ereignissen und so weiter und oft können wir die Inhalte unseres Denkens nicht einmal in Worte fassen. Auch wenn wir in der Lage sind, sie mit Worten auszudrücken, kommt es häufig vor, dass wir etwas sagen und dann erkennen müssen, dass es nicht das war, was wir gemeint haben, sondern etwas anderes.

 

Was bedeutet das? Dass es eine Art nichtsprachlichen Denkens gibt, das wir in Sprache zu fassen versuchen, wobei wir wissen, dass wir dabei manchmal scheitern.“

Dieses Phänomen ist die Erklärung für mindestens die Hälfte meiner Interaktionen vor 10:00 Uhr. Aber was, wenn wir ein Gerät entwickeln könnten, das nichtsprachliche Konzepte und Bilder übersetzt und direkt in das Gehirn eines anderen Menschen überträgt?

Im Jahre des Herrn 2049

Die Ingenieure von Unbabel denken gerne über eine nicht allzu ferne Zukunft nach, in der wir gerade unsere neue Nanopillenserie vorgestellt haben, die aus einer Reihe von Nanorobotern mit KI + menschlicher Intelligenz besteht, welche durch den Blutkreislauf in den Kortex fließen und Gehirn-zu-Gehirn-Schnittstellen ermöglichen.

Wir werden mit einem verlustfreien, dezentralisierten System kommunizieren können, das Emotionen mittels Hormon- und Neurotransmitter-Analyse überträgt und Konzepte in visuelle Eingaben direkt im Gehirn des Empfängers übersetzt.

Amplifikationsimplantate werden leicht verfügbar sein, sodass wir jederzeit und überall mit jedem Menschen kommunizieren können. Wir werden in der Lage sein, Terabytes an Informationen in Sekundenbruchteilen zu übertragen.

Wir werden einfach wisse n.

Ein riesiges Netzwerk zweisprachiger Menschen auf der ganzen Welt dekodiert diese Informationen unverzüglich und stellt den kulturellen Kontext durch das neuronale Netzwerk zur Verfügung, was die Übersetzungskosten quasi auf 0 reduziert und es den KMU, dem Rückgrat unserer modernen Wirtschaft, ermöglicht, zu gedeihen und eine Welle von wirtschaftlichem Wachstum auszulösen, die Arbeitsplätze, Einkommen, Innovationen, lokale Entwicklung und Nachhaltigkeit in Industrie- und Entwicklungsländern gleichermaßen erschafft.

Ohne Sprachbarrieren und mit universellem Zugang zum kompletten Wissen der Menschheit treten wissenschaftliche Forschung und weltweite Zusammenarbeit in ein goldenes Zeitalter ein. Es werden große Anstrengungen zur Lösung der Klimakrise unternommen, fossile Brennstoffe werden komplett aufgegeben, wir werden mit Hilfe von Solarenergie-Satelliten saubere Energien nutzen und beherrschen und den Übergang in eine Kardaschow-Zivilisation vom Typ I schaffe n.

Wir werden sogar mit Tieren kommunizieren können – und unseren Hunden endlich erklären, wie leid es uns tut, dass wir ihnen auf den Schwanz getreten sin d.

Natürlich wäre Sicherheit ein großes Thema. Wenn sich die Technologie durchsetzt, werden Hacker ständig versuchen, die Nanobots zu manipulieren und auf die sensorischen In- und Outputs der Menschen zuzugreifen, wobei natürlich viel auf dem Spiel steht. Sie könnten neue Erinnerungen erschaffen, Gedanken modifizieren, unsere fundamentalste Hardware neu verkabeln und alles verändern, was unser Wesen und den Grund unserer Handlungen ausmacht (wir können uns schon mal auf noch verrücktere Folgen von Black Mirror einstellen).

Um dies zu verhindern, müsste die Kommunikation eine immer stärker werdende Ende-zu-Ende-Verschlüsselung haben, die durch eine sichere Vergabe symmetrischer Sitzungsschlüssel unterstützt wird, welche sicher mit quantenresistenter Public-Key-Kryptographie erzeugt werden.

Unsere Pipeline würde radikal anders aussehen als heute. Sie wäre eher wie das neuronale Netzwerk eines Gehirns, das aus dezentralen Knoten besteht, durch die sich Informationen bewegen. Der Mensch wäre nicht mehr der letzte Teil des Prozesses, der bei jedem Schritt Feedback und Kontext liefert.

Letzten Endes können wir nicht wirklich sagen, was die Zukunft bringen wird. Wir könnten uns alle in einem von Bitcoin dominierten Alptraum wiederfinden, in dem Regierungen zerfallen und Bitcoin-Besitzer Festungen bauen, um die marodierenden bitcoinlosen Massen abzuwehren.

Der beste Spruch zu Zukunftsprognosen und Trendermittlung stammt von Alan Kay:

„Die Zukunft lässt sich am einfachsten vorhersagen, indem wir sie erfinden.“

Ich kann nur sagen: Wir arbeiten daran.

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