Keine zweiten Chancen.

Diese drei Wörter sind der Koan eines Übersetzers. Sie sind von größter Bedeutung in den Köpfen der literarischen Übersetzer, die sich daran machen, die Zweideutigkeiten, die Texturen des täglichen Lebens, den Duft der Sommerluft, die einen einzigen Ort in Raum und Zeit charakterisieren, sowie die Menschen, die diesen bewohnen, in einer anderen Sprache zu replizieren.

Keine zweiten Chancen — und daher ist die erste Übersetzung eines literarischen Textes gefährlich und diktiert über Jahre hinweg die Art und Weise, wie Leser weltweit einen Text sehen werden. Selbst geringfügige verbale Ausrutscher oder syntaktische Fehltritte können eine Verurteilung auslösen, die so stark ist, dass der ursprüngliche Text seine Leserschaft nie vollständig wiederherstellt.

Nachdem die Fehler ihrer Arbeit ans Tageslicht gelangen, ergeht es den ersten Übersetzern normalerweise nicht viel besser.

Eine schreckliche Schönheit ist geboren

Zwischen 1760 und 1763, als er erst Mitte zwanzig war, produzierte James Macpherson (1736 — 1796) Übersetzungen der Gedichte von Ossian, einem epischen Zyklus, der abwechselnd als treue Fortsetzung der gälischen Oral Poetry und als Fälschung erachtet wurde. Was moderne Leser als einen kleinen Fehlübersetzungs-Skandal ansehen würden, war damals ein wahrhaft globales Spektakel. Einige Gelehrte bezeichnen die Übersetzung und den Hype, der um sie herum entstand, als das größte kulturelle Phänomen vor den Beatles.

Bevor die Vorwürfe von Fehlübersetzungen und reinen Hirngespinsten aufflammten, war Macpherson ein gälischer Gelehrter und Schulmeister, der ein fast anonymes Leben in den schottischen Highlands inmitten der Hügel von Ruthven lebte.

Der Weg vom Dichter ohne Erfolg zur literarischen Sensation war schnell und unberechenbar. Das Übersetzen alter schottischer Verse war dem jungen Gelehrten nicht in den Sinn gekommen, aber nachdem er die gälischen Lieder rezitiert hatte, die er als Kind verinnerlicht hatte, arbeitete Macpherson schnell daran, eine englische Version für seinen Zuhörer John Home zu erstellen. Home war von den brüllenden Rhythmen des Gedichts bewegt und von den sensiblen Kriegern, deren Taten ebenfalls gefeiert wurden.

Was als einmalige Übersetzung begann, verwandelte sich in einen ausgedehnten epischen Zyklus, der aus über einem Dutzend Teilen bestand, in denen der blinde Barde Ossian das Leben und die Schlachten von Fingal, einem alten schottischen Krieger, feiert. Und es war nichts geringeres als eine Offenbarung.

Es war tatsächlich so, als hätte eine ganze Literaturkollektion über Nacht zu blühen begonnen — und das zu einem perfekten Zeitpunkt! Als sie ihn am meisten benötigten, hatte Macpherson seiner schottischen Leserschaft einen Nationalhelden gegeben, der von einigen als „Homer of the North“ gefeiert wurde. In Schottland war die Moral unter den ethnischen Schotten nach der Niederlage der jakobitischen Streitkräfte in der Schlacht von Culloden auf den Tiefstand gesunken, was das Ende der Bemühungen um die Wiederherstellung des (ursprünglich schottischen) Hauses von Stuart markierte. Während Manuskripte, die eine robuste irische mündliche Tradition bezeugen, in Macphersons Großbritannien relativ weit verbreitet waren, gab es praktisch keinen Text, an den sich schottische Leser zur Bestätigung ihres Erbes wenden konnten, das der zunehmenden Belastung durch die dominante anglophone Kultur ausgesetzt war.

Obwohl Ossian eine vor Ort größere Bedeutung erlangte, war die Reichweite des Werks keineswegs auf die Provinz beschränkt. Die Gedichte erwiesen sich als einer der ersten literarischen Blockbuster und zweifellos eine der meistgelesenen Übersetzungen aller Zeiten. Zu den berühmtesten Bewunderern der Gedichte des Ossiangehörten Thomas Jefferson und Napoleon, der das Gedicht angeblich mit sich führte, als er in die Schlacht zog. Gälische Namen wie Oscar und Selma verdanken ihre Beliebtheit fast ausschließlich den Übersetzungen von Macpherson. Zwar gibt es nicht den einen Faktor für den Erfolg der Poesie, aber man kann mit Sicherheit sagen, dass die unwiderstehliche Kombination der Feuerkraft der gälischen Krieger und der kraftvollen Rhetorik bei Lesern des 18. Jahrhunderts, die im Anschluss an die Aufklärung und am Vorabend der großen Revolutionen in der westlichen Welt lebten, Widerhall fanden.

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Der größte Skandal, von dem du noch nie etwas gehört hast

Gestehen wir uns doch ein, dass weder ein Gentleman noch ein Schwindler mehr über den Handel eines talentierten Betrügers gewusst hätte, als der unvergessliche Mr. James Macpherson.

Charles O’Conor, irischer Antiquar

Kaum hatte der junge Übersetzer seine Arbeit veröffentlicht, sah er sich heftiger Kritik und zunehmenden Fragen der Authentizität ausgesetzt. Was waren seine Quellen? Warum konnte er keine handschriftlichen Belege der Gedichte vorlegen? Was hatte Fingal in einem schottischen Epos verloren, da er doch eher mit der irischen Folklore in Verbindung steht?

Bei seiner Mission, die schottische Ehre zu rehabilitieren und vielleicht auch sein eigenes Ansehen als Übersetzer von Poesie zu steigern, wich Macpherson wahrscheinlich vom Ausgangsmaterial — und betrat dabei gefährlichen Boden, indem er abwechselnd Passagen löschte und einfügte sowie uralte Riten aufbereitete oder übertrieben darstellte, wenn er dies als politisch oder poetisch angemessen erachtete. Es war jedoch damals so klar wie heute, dass Macpherson sich stark der schottischen Folklore bediente und einen Helden präsentierte, der in seinem Kern ein schottischer Gael war und nicht der romantische Weichling, den sich einige von ihm ausgemacht haben. Die spärlichen Archivaufzeichnungen können leicht den Ursprüngen des Gedichts in der mündlichen Dichtung zugeschrieben werden.

Waren Macphersons Übersetzungen von seinen Vorlieben und seiner Politik geprägt, so kamen die strengsten Worte seiner Kritiker nicht minder persönlichen Ort. Irische Leser sahen in Macphersons Fingal einen Helden, der für die schottische nationalistische Sache entführt wurde, selbst als gälische Gelehrte sich für ein gemeinsames mythologisches Erbe aussprachen.

Im englischen Kontext wäre es sogar gefährlich gewesen, auch nur einzuräumen, dass der Epos existierte. Ein solches Zugeständnis ware damals einer Anerkennung der schottischen Souveränität gleichgekommen. Wichtige englische Kritiker dieser Zeit, darunter auch Samuel Johnson, konzentrierten sich auf die Frage der begrenzten Archivaufzeichnungen des Gedichtes, als wollten sie andeuten, dass Macpherson durch das Übersetzen ohne Original unwissentlich enthüllte, dass es keine schottische Originalität gab. Wenn die Krieger, welche Ossian besang, frei erfunden und erstmals in englischer Sprache beschrieben worden waren, hätte dies erst recht die Überlegenheit der anglophonen literarischen Tradition bewiesen.

Unglücklicherweise machten für den jungen Übersetzer die fünfzehn Minuten Ruhm Platz für jahrhundertelange Berühmtheit als literarischer Fälscher, wobei Johnson und kleinere Fehlersucher das letzte Wort hatten — auch wenn der „Bericht des Ausschusses der Highland Society, beauftragt, die Art und Echtheit der Gedichte von Ossian zu untersuchen“, der 1805 veröffentlicht wurde, folgerte, dass Macpherson die Epen aus authentischem fragmentarischem Text gestaltet hatte.

Keine zweiten Chancen, weißt du.

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Alles ist persönlich

Ich bin Übersetzer. Ich bin mir all der Neinsager bewusst, die lieber einen Weltklasse-Text im Verborgenen schmachten sehen würden, als zuzulassen, dass die obskurste Assoziation eines einzelnen Wortes in der Übersetzung verloren geht – und Herrgott nochmal in einer atemberaubend detaillierten Fußnote wiederhergestellt wird!

Der Fall von Macphersons Ossian ist ein bemerkenswerter und entmutigender Fall für nicht zweisprachige Übersetzer wie mich, vor allem, weil er einen Übersetzer mit einer tiefen angeborenen Beziehung sowohl zu seiner Ausgangs- als auch seiner Zielsprache betraf (obwohl nicht vollständig bekannt ist, wie sehr Macphersons das schottische Gälisch beherrschte). Wenn es jemals einen Übersetzer geben würde, der in der Lage ist, ein neutraler Vermittler zwischen zwei Sprachen zu sein, dann wäre es James Macpherson.

Wenn wir die Frage nach Macphersons Quellenmaterial ausklammern, taucht eine weitere auf, die ein bisschen weiter geht. Wo ist alles für den gälischen Gelehrten so schief gelaufen? Wie wurde sein Name zu einer Abkürzung für unauthentische, geopolitisch aufgeladene Übersetzung?

In „ Is That a Fish in Your Year? “ gibt der Übersetzungstheoretiker David Bellos uns eine Antwort, wenn nicht sogar einen einfacher Ausweg aus dem Authentizitätsdebakel: ,,Es ist nicht die Dichtung, die in der Übersetzung verloren geht. Es ist die Gemeinschaft.“

Gemeinschaft bezieht sich hier wahrscheinlich auf die üblichen Verdächtigen. Die Traditionen der Kultur der Originalsprache, für die es so oft keine einfachen Enstsprechungen in der Zielsprache gibt. Idiomatische Ausdrücke, die langjährige kulturelle Praktiken widerspiegeln. (Ich denke jetzt an das baww der arabischen Poesie: Die Haut eines jungen Kamels, das einem weiblichen Kamel, das ihr Fohlen verloren hat, grausamen Trost bietet. In der arabischen Dichtung wird das Baww oft von Kriegern aufgerufen, wenn sie auf Szenen großer Zerstörung stoßen. Wie würden man Baww ins Englische übersetzen? Fool’s foal? Bitter hide?) Gemeinsschaft bezieht sich auf das, was die Neinsager als „irrecuperables“ bezeichnen würden und was viele Übersetzer in diese Fußnoten verbannen.

Sicherlich hatten Aspekte von Ossians gälischer Sprache und Kultur keine direkte Übersetzung ins Englische. Was aber, wenn sich die Gemeinschaft nicht nur auf die Menschen und Beziehungen bezieht, die in ein literarisches Werk eingehen, sondern auf die lokalen Leser, die für ihre Authentizität bürgen können? Dies ist eine Ressource, die der Zielsprache fast immer fehlt: ein aufnahmebereites Publikum. In der Tat ist eine weltweite Leserschaft niemals garantiert und fast immer skeptisch, wie es eine große Anzahl von Lesern von Macpherson eindeutig war.

Was uns zu dem Problem der Originalität bringt. Literarische Übersetzer stehen vor einem Konflikt, der am besten durch die doppelte und duellierende Bedeutung des Wortes Original veranschaulicht wird, um sowohl die gemeinsame Sprache am Ursprung des Gemeinschaftslebens als auch die einzigartigen Qualitäten der Stimme eines einzelnen Autors zu beschreiben. Wenn Muttersprachler auf einen in ihrer Sprache geschriebenen Text zugehen, können sie ihn sowohl als einzigartig als auch einen der ihren erkennen. Nicht-heimische Leser sehen dagegen etwas ganz anderes: einen Text, der zweierlei Art ist und das Produkt eines kulturellen Kontextes, der sich völlig von ihrem eigenen unterscheidet.

Obwohl die Figur des Brooklyn-Hipsters uns weit von der Übersetzungstheorie entfernt, ist sie zutreffend: Wer ernannte einen Neuling aus Portland, Oregon zum Schiedsrichter der besten Suppenklöße der Stadt?

Willkommen in der Maschine

Suchst du immer noch nach diesem Ausweg?

Tritt dem Klub bei! Selbst die beste Übersetzerin hat ihre verbalen Eigenarten, den Filter ihrer eigenen Syntax, Idiome und Erfahrung. In der Regel haben wir uns auf die Expertenschätzungen anderer Übersetzer gestützt, um festzustellen, ob ein übersetzter Text authentisch ist. Übersetzungen, welche die Imprimatur vieler Übersetzer tragen, geben tatsächlich ein Gefühl der Sicherheit.

Würde uns das Konzept einer Crowd-Sourcing-Übersetzung einem authentisch übersetzten Text noch näher bringen?

Der berühmteste gemeinschaftlich übersetzte Text ist, leider, der Garn aus dem Legenden gesponnen sind. Für die Übersetzer der Septuaginta, der ältesten noch vorhandenen griechischen Version der hebräischen Bibel, hätte der Einsatz nicht höher sein können: Sie mussten beweisen, dass ihre Übersetzung nur Gottes Wort enthielt — nicht ihr eigenes. Die Geschichte besagt, dass 72 jüdische Gelehrte, sechs von jedem der zwölf Stämme Israels, unabhängig voneinander zu identischen griechischen Texten gelangten. Welchen weiteren Beweis könnte man brauchen? Die Übersetzung wurde mit Gottes Segen angefertigt.

Um fair zu bleiben, da die Gelehrten isoliert arbeiteten, betrachten wir eher das literarische Produkt einer Gemeinschaft als eine Gemeinschaft im engeren Sinne. Als Modell einer konsensbasierten Übersetzung gibt die Episode Übersetzern und Lesern gleichermaßen Hoffnung.

Wenn die Septuaginta eine Art Ex Machina der Übersetzung war — das Produkt göttlicher Intervention — könnten Crowdsourcing-Methoden der maschinellen Übersetzung in einer sekulären Welt unsere beste Chance sein.

Durch die Analyse von zweisprachigen Korpora zur Bestimmung, was eine Vielzahl von menschlichen Übersetzern für die Anzahl der Sprachpaare als gleichwertig erachtet, könnte MÜ mehreren Übersetzern die Möglichkeit bieten, mit einer einzigen Stimme zu sprechen. Für heute und auf absehbare Zeit ist ein solcher Konsens alles andere als perfekt, aber vielleicht perfektionierbar, da die Technologie immer mehr Texte umfasst.

Danke, J-Mac

Meine Freude wird inmitten von Tausenden sein.
Meine Seele wird sich durch die Finsternis des Kampfes aufhellen!

Fingal: Ein uraltes episches Gedicht, Buch I, übers. James Macpherson

Lasst uns zu einem sehr menschlichen Charakter zurückkehren, James Macpherson, der zu Lebzeiten nicht in der Lage war, einen Konsens zu erzielen, der jedoch mehr als zweihundert Jahre später der Erlösung würdig ist. Macphersons Image wurde zumindest teilweise wiederhergestellt, da die Frage der Authentizität ihre persönliche Natur und die Arbeit ihr globales Publikum verlor. Die Seele seiner Arbeit hilft, den Defätismus und den Apologismus, welche die Übersetzungsstudien so oft charakterisieren, zu unterdrücken.

Es gibt keine zweiten Chancen — aber ich glaube, es gibt eine unendliche Kapazität für neue Übersetzungen. Je mehr Übersetzer sich der Herausforderung stellen, desto näher kommen wir einer genauen, konsensbildenden Übersetzung.

Während wir in jeder Phase eine respektvolle literarische Übersetzung benötigen, sind die Zugangs- und Interessenkrisen ebenso dringend. Ohne eine erste Übersetzung kann es keine Authentizität geben. Wir sollten James Macpherson nicht nur vergeben. Wir sollten ihm dafür danken, dass er eine Diskussion begonnen hat.

Der Autor bittet dich, die Werke von Margaret M. Smith, Michael McCraith, Paul F. Moulton, James Porter und Robyn Creswell zu lesen, ohne die dieser Artikel nicht existieren würde.